Magie der Meerseide – Il Bisso ein Mythos und Chiara Vigo

Wie schön wenn man Freunde hat. Sylvia, meine sardische Freundin ist eine ganz besondere Freundin. Sie hat mich gestern an einen magischen Ort nach Sant‘ Antioco entführt, der Heimat des Bisso. Die Halbinsel Sant‘ Antioco eine knappe Autostunde von Cagliari entfernt. Sie liegt, verbunden nur durch eine sehr schmale Landzunge mit dem Festland, im äußersten Südwesten Sardiniens. Unser Ziel ist die gleichnamige Stadt Sant’Antioco, von der die Christianisierung Sardiniens ausging und die das Ziel vieler Urlauber für einen Tagesausflug ist. Sant‘ Antioco ist die Heimat von Chiara Vigo. Der weltweit einzigen Maestro del Bisso – der Meisterin des Byssus. Sie haben wir besucht.

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Chiara und eine Schale der Pinna Nobilis

Bisso ist Meerseide, die wohl wertvollste Faser der Welt. Kaum jemand kennt sie oder hat ein Stück Stoff aus bisso in der Hand gehalten. Chiara hat ihr Leben dem Wasser und dem „Gold des Wassers“  dem bisso geschenkt und gewidmet. Sie leitet das Museo del Bisso in Sant Antioco, indem sie quasi lebt und arbeitet.

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Museo del Bisso- ein Ort der Magie und Alchemie

Ein kleiner unscheinbarer Eingang etwas versteckt links neben der Kirche am großen Platz führt ins Museum und in die Welt von Chiara. Ein verblichener Zettel klebt hinter der Fensterscheibe, „La fretta non abita qui“ – Die Eile wohnt hier nicht – nach dem Besuch bei Chiara oder dem Lesen dieser Geschichte versteht jeder warum… Das Museum ist nicht unbedingt ein Ausstellungsort im herkömmlichen Sinn sondern ein Museum der Geschichten, der Fabeln, des Lebens von Chiara und ihren 29 Vorfahren und der Familie die alle „maestro“ Meisters des bisso waren. Was ist bisso? Die Pinna Nobilis, die große oder edle Steckmuschel, ist die größte im Mittelmeer lebende Muschelart. Sie stoßt Eiweißsekret aus, das bei Kontakt mit Salzwasser gerinnt und zu festen Fäden erstarrt. Damit verankert sie sich am Meeresboden. Diese Ankerfäden werden bis zu 25 cm lang. P1060307 P1060308 Diese Fäden sind die Seide des Meeres, das Gold des Wassers. Nach diesen Fäden taucht Chiara ins Meer ab wie vor 7000 Jahren, so alt ist die überlieferte Geschichte des bisso.  Stoffreste aus dieser Zeit mit bisso sind die ältesten Zeugen zur Geschichte des Byssus. Weitere Quellen im Alten Testament  im Buch Exodus. Kapitel 39, es ist der Stoff der Könige und hohen Priester, unvorstellbar wertvoll schon damals. Und auch bei Jules Verne in Zwanzigtausend Meilen unterm Meer wird die Pinna Nobilis und ein Tauchgang mit Kleidern aus glänzendem Byssus beschrieben. Im Alter von drei Jahren lernte Chiara von und mit ihrer Großmutter schwimmen später dann wie die Perlentaucher Apnoe tauchen. Sie taucht ab nur „mit einem Leinenhemd so wie Gott mich geschaffen hat“,  antwortet sie auf Sylvias Frage, ob sie den mit Neoprenanzug oder Flossen abtaucht. „Wo glaubst du, ragazza mia, dass man in den 60-er Jahren hier einen Taucheranzug kaufen konnte…?“ Chiara amüsiert sich über die Frage meiner Freundin. Wo sie taucht und wann sie taucht bleibt ihr ganz strenges Geheimnis, damit niemand die durch maßloses Bedienen an den Schätzen des Meeres sehr selten gewordenen Schönheiten finden und gefährden kann. Die Pinna nobilis wird bis zu 20 Jahre alt und kann bei sehr guten Bedingungen bis 130 cm groß werden. Zwischen dem ersten Mond im Mai und dem letzten Mond im Juni taucht sie ab, um ihre „Muschel-Kinder“ zu besuchen und zu kontrollieren, ob alles in Ordnung ist. Bisso sammelt sie so, dass die Muscheln unverletzt weiter leben und nur dann, wenn sie wieder Fäden braucht. Lächelt und zeigt uns eine kleine Blechschachtel in der noch Rohmaterial von ihrer Großmutter aufbewahrt wird. P1060295 Nach der Ernte müssen die Fäden  25 Tage lang entsalzt werden. Alle drei Stunden muss das Wasser gewechselt werden, an Schlaf ist einen Monat lang nicht zu denken…Von 10 g Fäden bleiben nach der Reinigung 1 g, pro Jahr sind es dann insgesamt 30 g an Bissofäden.

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Kämmen erster Schritt der Bearbeitung der getrockneten Fäden

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Behutsam werden die Fäden aus dem Knäuel ausgezupft

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bisso non ha peso e non tocca  – bisso hat kein Gewicht ung man spürt es nicht

Chiara gibt uns das bisso Knäuel auf die Hand und sagt wir sollen die Augen schließen, es stimmt man spürt es nicht und es wiegt nichts! Der nächste Schritt der Verarbeitung ist das Spinnen mit der Hand, indem aus dem Knäuel ein erster Faden gezogen wird. #P1060292 Während des Spinnens singt sie das uralte Mantra della Tessitura und es scheint als fliesen ihre Gedanken und ihre Wünsche in die Fäden ein. Der einfache Faden nennt sich torsion s der zweifache Faden torsion y, den nimmt Chiara dann und taucht  ihn kurz ins Glas mit dem formulario ein – eine Flüssigkeit aus Wasser Zitronensaft und??? – und wie durch Zauberhand wird der Faden weich und elastisch und glänzt golden im Licht. Spätestens jetzt hat auch mich der goldene Faden des bisso eingefangen! Dieser Moment ist magisch und wird mich sicher sehr lange begleiten und immer wieder kommen, wenn ich am Meer bin. Der fertige Faden wird dann auf Leinen gestickt, mit Leinen verwebt oder verstrickt. Der bisso leuchtet golden, wenn Licht darauf fällt, ansonsten hat er eine eher unauffälligen Braunton.

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Vom Faden reinigen bis zum fertigen gestrickten Stück: fünf Jahre Arbeit

Chiara weiß auswendig 900 verschiedene Muster und weiß ebenso auswendig wie man 1500 verschiedene Farben aus Pflanzen herstellt, alles mündlich überliefert.

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Unendlich viele Farben wie in der Natur

Wenn der bisso mit den Naturessenzen gefärbt wird leuchtet er allerdings nicht mehr. P1060303 Die Meisterin zieht auch den Webstuhl auf vor dem Weben. Selbst gezeichnete Vorlagen werden Reihe für Reihe abgezählt,  um mit den Fingern die Symbole des Lebens mit den goldenen Bissofäden in die Stoffe aus Leinen als Muster einzuweben.

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Die Arbeit von zwei Jahren…

Bisso non si vende e non si compra  – Bisso verkauft man nicht und kann es auch nicht kaufen. Die Frage lässt Chiara erst gar nicht aufkommen und stellt klar, dass bisso nur verschenkt wird. Man zahlt auch keinen Eintritt ins Museum oder für den Vortrag, man spendet was in die kleine Schatulle am Ausgang rechts auf einem Tisch unauffällig platziert.  Der jüngsten, unverheirateten Frau unter den Besuchern schenkt sie einen Bissofaden.

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Mein Umschlag mit der signierten Pfauenzeichnung für meinen Bissofaden

Wenn die Frau damit mindestens drei Monate vor ihrer Hochzeit zu Chiara kommt und einen Meter Leinen mitbringt bekommt sie dann ein Hochzeitskissen von ihr geschenkt.

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Was für ein Taufkleid!

Chiara hat ihr Leben dem Wasser geschenkt, mit dem „is brevis d’acqua“ den Wasser- Treueid, eine Art Gebetsritual, geschworen und engagiert sich seit vielen Jahren auf allen Ebenen gemäß ihrem Wasser Treueid. Mit 25 Jahren hat sie sich dafür bereit gefühlt hat und die Großmutter hat ihr den Meisterring angesteckt, den Chiara am Mittelfinger trägt. Dazu gehört Respekt vorm Wasser, „Wasser ist heilig, es schenkt dir Sachen aber es werden nie deine. So lernst du, dass du Mittel einer von Gott aufgegebenen Mission wirst. Wir haben den Sinn für das was heilig ist verloren“, während Chiara spricht wird zur Priesterin des Meeres, zur Gralshüterin und in ihren dunklen, ruhigen Augen scheint sich das ganz Wissen ihres uralten Kunsthandwerks als maestro del tessile marino (der offizielle Titel und die Berufsbezeichnung) als Meisterin des bisso wider zu spiegeln. Gehalt bekommt Chiara von niemanden, sie hat von der Gemeinde die Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen, auf einen Vertrag der ihren Verbleib mit dem Museum in den Räumlichkeiten absichert wartet sie seit Jahren. Die Begegnung mit Chiara, der manchmal sicher unbequemen, für ihre Sache aufrecht streitbaren, faszinierenden Frau mit uraltem Wissen und sie mit ihrer Weisheit über das Leben mit klaren Worten eindringlich zu sprechen zu hören ist ein Geschenk.  Mit großer Sorge sieht sie wie Jahrhundert Jahre alte Überlieferungen und Regeln beim Aussuchen von Grundstücken und Bauen über Bord geworfen werden.  Wen wundert  es, dass die Natur sich, nicht nur auf ihrer Insel, rächt, dass Flüsse sich ihren alten Lauf suchen. Chiara ist heuer 60 Jahre alt geworden. Unzählige wissenschaftliche Schriften, Bücher und Berichte sind über Chiara – maestro del tessile marino in vielen Sprachen weltweit veröffentlicht worden, staatliche Auszeichnungen und Anerkennungen wurden ihr verliehen. In ihr Museum nach Sant’Antioco pilgern auch Nobelpreisträger um diese Frau einmal im Leben persönlich kennen zu lernen, ihre Werke sind in der Meeresabteilung des Louvre ausgestellt, Päpste und Bill Clinton wurden von ihr beschenkt, ihr Werkt ist immaterielles Kulturerbe der Unesco… Ihr größter Wunsch, eine Meisterschule des Bisso, ist  trotz des Versprechens der Behörden bis jetzt noch nicht in Erfüllung gegangen. Vielleicht weil Chiaras Vorstellungen wie so eine Schule auszusehen hat von denen der Behörden abweicht. „Ich brauche niemanden neben mir, noch unter mir, nicht über mir, der mir sagt wie ich das machen soll –  ich bin die Meisterin des bisso!“ Wer den Schatz des in der Familie mündlich überlieferten Wissens von in etwa 1500 Jahren in sich hütet, bin ich mir sicher,  braucht das auch nicht! Chiara ist seit über 30 Jahren glücklich verheiratet, hat zwei Töchter und eine einjährige Enkelin. Eine der Töchter arbeitet mit ihr zusammen im Museum. Ich hoffe, sehr, dass sie sich zum richtigen Zeitpunkt soweit fühlt dieses einzigartige Erbe des maestro del bisso von Chiara und ihren Vorfahren anzutreten und den is brevis d’acqua leistet. Dedicato a Chiara, che ieri mi ha fatto capire dove è il mio posto nella vita e che devo vivere il mio sogno. Grazie.

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