Wien – sauer

Favoriten, der 10. Hieb, wie in die Favoritner selber nennen, ist Wiens 10. Bezirk im Süden der Stadt. Traditionell Arbeiterviertel und Bezirk für Zuzügler. Eine große deutsche Zeitung vergleicht ihn mit Neukölln in Berlin… Na ja der Vergleich hinkt doch ein bisschen würde ich sagen, denn Plattenbauten sucht man in Favoriten vergebens und ein Problembezirk was Kriminalität betrifft ist Favoriten auch nicht.

Aber ein Viertel, das stark im Kommen ist und wo ich gerne was Neues entdecken möchte….

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Beim letzten Wien Besuch im Januar hatte ich mich am Naschmarkt am Stand der Essigbrauerei Gegenbauer mit einem schönen Vorrat an Fruchtessigen eingedeckt.

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Saure Parade

Himbeere- Quitte-Rubinette-Maschanska-Marille-Kronprinz Rudolf sind diesmal in der Auswahl dabei. Bei der Verkostung hat mir dann die nette Angestellte erzählt, dass es in der Produktion, also der Essigbrauerei in Favoriten, seit kurzem auch ein B& B gibt , die Wiener Gäste Zimmer oder Gegenbauer Rooms, die ganz außergewöhnlich wären. Also muss ich die mir bei meinem jetzigen Wienbesuch unbedingt anschauen!

Die Firma Gegenbauer sitzt in der Waldgasse, einer Seitenstraße der viel befahrenen Gudrunstraße gleich hinterm neuen Hauptbahnhof, dem früheren Südbahnhof. Na so was – kaum ist man fast 30 Jahre weg aus Wien, schon tut sich was. Also Waldgasse, kaum vorstellbar  aber der Name wurde tatsächlich als Erinnerung für den Laaer Wald gewählt, der sich mal bis hierher erstreckte. An Wald und grün erinnern heute nur mehr die zart Pastell Pistazien farbene Fassade des Gegenbauers Hauses und der nahe Beserlpark um die Ecke. Ansonsten sind wir hier wirklich im tiefsten Großstadt Dschungel. Aber genau dort sind zu meinen Studentenzeiten immer große Traktoren mit Anhängern voll von kleinen Gurken vorgefahren, denn die Ursprünge der Firma Gegenbauer lagen bei eingelegtem Gemüse und Sauerkraut.

Das hat dann der Erwin Gegenbauer radikal geändert, und ist mittlerweile zum international anerkannten Essigschöpfer geworden.  http://www.brandeins.de/archiv/2007/veraenderung/der-essigbrauer/

sein Weg dorthin hat der Bericht im brandeins sehr schön beschrieben.

Die Zimmer und die Brauerei zeigt und erklärt uns Katharina Winger, obwohl wir einfach nur so ohne Termin spontan reingeschaut haben, mit Begeisterung und Stolz für das was geschaffen wurde. Der Gebäudekomplex der ehemaligen Gemüsekonservenfabrik, 1929 gegründet, ist jetzt die Essigbrauerei, die auch die Gästezimmer und Bienenstöcke und Hühner beherbergt – aber schön der Reihe nach.

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Am besten wir fangen von oben an, also beim Dach, auf das man vom Innenhof blickt. Dort reihen sich die Fässer mit dem Balsamicoessig, und um im Sommer, wenn es dann durch die Wärme fein riecht, keine Wespenplage zu haben, wurden kurzerhand Bienenstöcke angeschafft, die nun ihre wertvollen Dienste zur Wespenabwehr leisten und gleichzeitig Honig produzieren, den die Gäste beim Frühstück genießen dürfen. So einfach geht das. Urban bee keeping oder Bienenhaltung auf Stadtdächern, das geht auch in Favoriten.

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Ein Bollwerk am Dach mit Blick in den Hinterhof – hier lagern die Schätze der Essigbrauerei.

Vom Essig der Gegenbauers bin ich schon seit Jahren überzeugt, deswegen werde ich das hier nicht vertiefen, aber die Zimmer interessieren mich ungemein.

Und so stapfen wir mit Katharina mitten durch die Baustelle hinauf in den ersten Stock. Es werden gerade schöne große Balkone in den Innenhof raus gebaut, so eine Art Oase in der Großstadt, von außen bleibt alles gut abgeschirmt und nach innen wird es blühen und grünen und auch die Hühner bekommen dann eine eigene Auslaufplattform – damit man die Eier dann wirklich von glücklichen Großstadthühnern kommen!

An den Wänden wird gerade noch der Putz runtergeklopft und es riecht nach trockenem Baustellenparfüm, Aufbruchstimmung, ich mag das.

Als die Zimmertür aufgeht und wir reingebeten werden, bin ich sprachlos. Wow – ja das nenne ich „Industriecharme“, so werden die Zimmer auch auf der Karte beschrieben, die ich mir am Naschmarkt mitgenommen habe.

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Ja, sehr charmant, spröde und trotzdem total gemütlich, ein feiner Geruch wie von frisch gehobeltem Holz, die freigelegten Ziegelmauern, hell und kein unnötiger Schnickschnack – ich bin begeistert.

Die Architekten heri&salli – Heribert Wolfmayr und Josef Saller haben sich hier ausgetobt und was absolut reduziert Schönes geschaffen.

Im Badezimmer oder besser gesagt im großen, begehbaren Nassbereich kommen dann technikverliebte Gäste voll auf ihre Kosten. Jede Menge Details aus dem Industriebereich sind mit einem Augenzwinkern eingesetzt und hier wird beweisen, es muss wirklich nicht immer  Philip Starck sein, wenn es Design heißt…

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Einfach ist gut und auch schön.

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Katharina macht es sichtlich Spaß uns ein paar kleine technische Finessen zu erklären, bevor wir unseren Rundgang fortsetzen. Gefrühstückt wird unten im Erdgeschoss alle Gäste an einem großen Tisch so kommt man schnell ins Gespräch. Die Küche kann auch für Kochsessions gemietet werden oder der Koch kommt und man lässt sich bekochen.

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Ganz unten im Keller dann der Tresorraum.  In großen Glasballons reifen die Essige im Keller. Wenn man in den Wiener Gäste Zimmern bucht, sollte man unbedingt eine Essigdegustation mit Kellerführung dazu buchen.

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Für Gäste die besonders an Essen und Trinken interessiert sind,  macht Katharina auch Führungen, die ManufakTOURen, zu Wiens Handwerksbetrieben oder Märkten, oder auch zum Schneckenzüchter.

Von der Essigbrauerei war es dann für den Hausherrn Erwin Gegenbauer dann ein logischer Schritt auch was anderes zu brauen, Bier. Aber nicht aus Gerste sondern aus Emmer und Einkorn, Urgetreiden, die in Vergessenheit geraten waren. Das Urkorn wird in Wien Favoriten angebaut. Die Mikrobrauerei hat sozusagen ihre eigenen Vertragsäcker um die Ecke. Preislich liegen die hochqualitativen Biere , für die es immer mehr Liebhaber gibt, in der Liga einer Flasche guten Weines. Kosten kann man das Bier in der Essigbrauerei und auch am eigenen Stand am Naschmarkt, frisch gezapft versteht sich.IMG_5057

Die Essigbrauerei ist ideal gelegen, um dann eventuell mit dem am Hauptbahnhof geliehenen Fahrrad, noch eine sportliche Tour in den Böhmischen Prater, ein netter, volkstümlicher Ausflugspark, und zu den Industriebauten der aufgelassenen Produktionsstätte von Österreichs größter Brotfabrik  – Ankerbrot http://www.wien.info/de/sightseeing/museen-ausstellungen/ankerbrotfabrik – zu machen. Dort ist ein Zentrum zeitgenössischer Kunst entstanden.

Wer nicht nach Wien kommt die Essige von Gegenbauer kann man online bestellen, einige gut sortierte Händler bieten sie auch in Deutschland an.

http://www.gegenbauer.at

Fotos: Evelyn Watzka und Wiener Essig Brauerei Gegenbauer

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