Linz – immer anders

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Grauer Himmel und trotzdem bunt- die Linzer Altstadt vom Schloss aus gesehen

In Linz da stinkt’s – das war das geflügelte Wort, damals in den 70-er und 80-er Jahren als man Linz nur mit Schwerindustrie und Abgasen, dicker Luft, Schmutz und Russ in Verbindung brachte. Donau Pott eben. Niemand wäre freiwillig auf die Idee gekommen für ein paar Tage in die oberösterreichische Landeshauptstadt auf Sightseeing zu fahren…

In Linz beginnt’s – man kann alles ändern. Stahlkrise und Strukturwandel Ende der 80-er Anfang der 90-er Jahre und siehe da, die verschmähte Stadt an der Donau startete mit einem radikalen Imagewechsel durch. Besann sich seines großen Sohnes Anton Bruckner und erfand sich mit der Ars Electronica und der über der Stadt schwebenden Klangwolke neu.

Linz verändert – so lautet der Slogan heute, 2015. Total freiwillig und sehr neugierig habe ich gerne zwei Tage an eine Veranstaltung angehängt, um mich durch dieses neue Linz treiben zu lassen und Kultur mal anders zu schnuppern.

Nieselregen, totale Nachsaison, der Linzer Hauptplatz zugebaut mit Bühnen und Buden wegen einer Wahlkampfgroßveranstaltung, nicht gerade sehr reizvoll, um einen Stadtbummel zu beginnen? Mag sein, aber um erst Mal einen Überblick zu bekommen, beschließe ich spontan in den gelben Linz City Express Bummelzug zu hüpfen und mir trocken und bequem ein bisschen was zur Stadt erzählen zu lassen.

Grau in Grau - Septemberblues

Grau in Grau – Septemberblues

Superidee, erstens erfahre ich wirklich Einiges das ich noch nicht über die Stadt wusste und zweitens habe ich nach der gemütlichen Ruckeltour Lust mit einfach so durch die Stadt treiben zu lassen. Fest entschlossen kein fixes Ziel zu haben und Stadt und Menschen auf mich wirken zu lassen. Auffallend viele, gut angezogene, individuell gestylte Frauen, keine Street-Style Girlies, sind an dem Nachmittag unterwegs. Das gefällt mir! Also Linz (hat sich) verändert, auch im Straßenbild, eindeutig.

Irgendwie habe ich das Gefühl, dass es sogar gut ist mal in einer Stadt zu sein, wenn der Himmel nicht gerade postkartenblau ist und man von der Kombi alte, schöne Gebäude und kitschigem Himmelblau darüber, gezwungen ist dauernd „ah und oh wie wundervoll“ von sich zu geben.

So schweift der Blick auf Details über den Hauseingängen, fängt aufwendig kunstvoll geschmückte Portale ein und lädt zu Abstechern in die vielen verwunschenen Hinterhöfe ein. Einfach mal einsaugen und auch nicht dauernd fotografieren, dann kann sich langsam ein Gefühl für die Stadt in der man gerade unterwegs ist entwicklen.

Was für Wien die Sacher Torte ist für Linz die Linzer Torte. Ich freue mich schon auf eine kurze Pause in der Konditorei Jindrak berühmt für „Ihre Original Linzer Torte“ dazu eine Melange. Lebensgeister wollen gut gefüttert werden. Die Linzer Torte, eine Kopie des Originalrezeptes hängt im 1. Stock des Stammhauses bei Jindrak, ist eine flache Torte mit viel Mandeln und Gewürzen, roter Johannisbeermarmelade bestrichen und einem Teiggitter darüber. Allerdings liest man im Linzführer nach, dass es über 260 verschiedene handgeschriebene Rezepte geben soll.  Das älteste davon datiert von 1653.  Aber jedes Rezept ist ein bisschen anders  und in Linz gibt es wahrscheinlich keine backbegeisterte Hausfrau, die es wie eine andere bäckt. Daher kaufe ich zwar eine ganze Torte in der Herrenstraße, die verschicke ich aber an die Lieben zuhause, und gehe zum Kaffeetrinken weiter ins Cafè Traxlmayr an der Promenade.

Das Traxlmayer ist das einzige „Wiener Kaffeehauskultur anerkannte“ Café außerhalb Wiens. Ja, das muss man sich vor Ort erklären lassen, und gönne mir eine süße Sünde: eine luftig leichte Kardinalschnitte dafür keinen Zucker in die Melange, so harmonieren zuckersüß und feinherb herausragend.

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„A Mehlspeis zum Kaffee muss scho sei!“

Leises Gemurmel, flinke Ober und Serviererinnen, eine verführerische Tortenvitrine, Zeitungen und Magazine in großer Auswahl, man könnte fast glauben in Wien zu sein.

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Die Landstraße ist die belebteste und nach der Wiener Mariahilfer Straße die zweitlängste Einkaufsmeile Österreichs. Die ausgewählteren und interessanteren Läden findet man, wie meistens, etwas abseits –  am besten in die Herrengasse und dann die Seitengassen kreuz und quer erkunden.

Klar, dass so viel Rumlaufen und neue Eindrücke hungrig machen. Bei der Tour mit dem Bummelzug fiel mir beim Vorbeifahren die „Alte Metzgerei“in der Herrenstraße ins Auge.

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Auf den ersten Blick eine, wie man eigentlich in Österreich sagt, ehemalige „Fleischhauerei“, die zu einem Bistro-Restaurant umfunktioniert wurde. In letzter Zeit versuche in in fremden Städten mittags immer in so kleine Lokale zu gehen, in der offensichtlich die Büroleute ein schnelles, gutes Mittagessen zu sich nehmen. Bin gespannt – und Volltreffer! Imbiss und Vinothek so bezeichnet sich die alte Metzgerei. Feiner Essensduft und gemütliches Ambiente, perfekt für eine kleine Stärkung zwischendurch.

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Obwohl mich spontan das Hirschgulasch anlacht, schon allein wegen der duftigen Semmelknödel als Beilage, entscheide ich mich doch was Neues zu probieren: Kürbislasagne mit Kernölpesto.

Alte Metzgerei - was soll ich bloß nehmen?

Alte Metzgerei – was soll ich bloß nehmen?

Und es schmeckt vorzüglich. Nussig, feine dünne Kürbisplättchen zwischen den Lasagneblättern, genug aber nicht zu viel Béchamelsauce und ein samtig, würzig-dunkles Pesto aus Kürbiskernen und Kürbisöl sind ein herrlich vegetarischer Herbstgenuss. Es geht doch wirklich nichts über gutes Essen und Trinken, denn das hält immer noch Leib und Seele zusammen.

Beim Bummeln sehe ich in den Schaufenstern immer wieder einen Aufkleber mit einem großen Auge, dessen Iris bei genauerem Betrachten eine Vogelfeder zu sein scheint,  und sehr schöne Zitate dazu: Hinweise auf eine Ausstellung „Mythos Schönheit“, die gerade im Linzer Schlossmuseum läuft. Also gleich zwei Fliegen auf einen Schlag nehme ich mir vor – Linzer Schloss und Ausstellung!

Das Schloss liegt auf einer Anhöhe über der Altstadt direkt an der Donau, also auch ein fantastischer Aussichtspunkt über Altstadt und Donau. Architektonisch besonders gelungen finde ich die mutige Verbindung des 2009 eröffneten Südflügels und Querbaus (1800 abgebrannt) mit dem historischen Komplex, der zum Schlossmuseum gehört. Eine Hommage an die Stahlstadt und eine Brücke zur Historie.

Die Aussicht über die Stadt ist grandios, jetzt wäre wenigstens ein bisschen blauer Himmel doch schön, wenn schon keine Fernsicht lockt.

Die Zeit ist leider knapp also ab in die Ausstellung. Bewusst habe ich nicht gegoogelt, um schon vorab etwas über das was gezeigt wird zu erfahren, sondern will mich einfach einfangen lassen von der Schau.

Schönheit liegt im Auge des Betrachters  – erklärte Thukydides (um 455 – 396 v. Chr.), griechischer Flottenkommandant im Peleponnesischen Krieg und Historiker. Vorweg die Ausstellung hat mir extrem gut gefallen, unter verschiedensten Gesichtspunkten werden Exponate aus Natur, Kunst und Alltag in „ihrer Ganzen Schönheit“ gezeigt. Schönheit ist verführerisch. Schönheit ist Macht. Schönheit ist ein Mythos – lautet es dazu treffend im Begleittext der Schau.

Nahaufnahme von Schönheit aus den Weiten des Meeres. Jede Muschel und Schnecke ein Kunstwerk aus der Natur für sich.

Tierisch schön: Im Hintergrund Gesichter nach Schönheitsoperationen. Wer ist hier die arme Sau?

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P1070158Das Zebra ist Design und Schönheit pur – Natural beauty, einfach perfekt!P1070154

Was ist schön? Das Ideal der körperlichen Proportionen nach Dürer.  Die schwarze Schablone ist so aufgestellt, dass man sich davor stellen kann und dann in einem Spiegel sieht wie nah man an das Dürer’sche Schönheitsideal kommt. Damals galt zaundürr jedenfalls nicht unbedingt als schön.
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Schönheit nach Farben, toll gemachte Zusammenstellung von verschiedensten Objekten und schöne Perspektive fürs Auge.

P1070155Die Ausstellung läuft noch bis Ende November, sie lohnt sich auf jeden Fall!

Mythos Schönheit
Facetten des Schönen in Natur, Kunst und Gesellschaft
6. Mai 2015 – 29. November 2015
Schlossmuseum Linz http://www.landesmuseum.at

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Der Hauptplatz ist wieder leer, der Blick frei auf die Jesuitenkirche. Für den Abend steht fest, Essen gehen mit meinem lieben Ehegespons, aber was aus der bodenständigen Küche und am besten am Weg zum Hotel sollte es auch noch sein. Wir fallen müde und hungrig ins Josef ein, Landstraße 49. Rappelvoll, bunt gemischtes Völkchen am Freitag Abend auf ein Feierabendbierchen und Gesprächen mit Freunden und Kollegen , recht verraucht im vorderen Teil, aber sehr angenehm dann der Tisch im Nichtraucherbereich mit Blick auf den Innenhof. Der Tipp fürs Josef kam von einer flotten, jungen Frau, die ich zwecks wo kann man hingehen für… gefragt habe. Danke guter Tipp. Als unser Backhendl und die Hascheeknödel mit dem frisch gezapften Josef Hell vor uns stehen, wissen wir wieder was österreichische Gastlichkeit bedeutet.

Ein Grund mehr wieder zu kommen nach Linz und nachzusehen, wie Linz (sich/mich?) verändert, vielleicht ist dann auch der Himmel blau…

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